Das Mysterium: Der Hiss´sche Winkel
- PD Dr.med.Eckhard Löhde
- 7. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Der Internist Wilhelm Hiss (1863–1934) wurde als eines von sechs Kindern des angesehenen Anatomen und Physiologen gleichen Namens geboren. Zahlreiche bis heute bedeutsame Entdeckungen, insbesondere zum Reizleitungssystem des Herzens, sind mit seinem Namen verbunden.
Doch er widmete sich auch der Frage des Refluxes. Dabei fiel ihm auf, dass der Magen – von vorne betrachtet und bei intaktem Zwerchfell – stets in einem spitzen Winkel zur Speiseröhre steht. Ursache hierfür ist, dass die Speiseröhre seitlich in den Magen einmündet und nicht zentral an dessen Spitze. Der daraus entstehende, individuell unterschiedliche Winkel liegt etwa zwischen 30 und 70 Grad.

Bei Obduktionen beobachtete Hiss, dass bei Reflux-Patienten der Magen immer durch das Zwerchfell nach oben verlagert war. Gleichzeitig veränderte sich dieser Winkel deutlich: Je weiter der Magen nach oben glitt, desto flacher wurde er.

Es stellte sich die Frage, ob dieser Winkel eine Rolle bei der Refluxkontrolle spielt. War seine Abflachung lediglich eine Folge der Organverschiebung – oder tatsächlich ein funktionell bedeutsamer Faktor?

Diese Hypothese faszinierte die damalige medizinische Welt. Denn sowohl damals als auch heute zeigten mikroskopische Untersuchungen weder an der Speiseröhre noch am Magen Hinweise auf eine Erkrankung oder Muskelschwäche. Auch ein klar definierbarer, verschließender Sphinkter ließ sich nicht nachweisen. Die Organe selbst erschienen alle gesund – lediglich ihre Lage war verändert. Wie sollte also der Verschluss dann aber funktionieren?
Die einzige greifbare anatomische Auffälligkeit blieb dieser veränderte Winkel und wurde von dort an als „Hiss’scher Winkel“ bezeichnet.
Wie so oft in der Medizin entbrannte eine intensive Diskussion. Erste operative Ansätze zielten darauf ab, diesen Winkel zu rekonstruieren. Die Erwartungen waren groß – die Ergebnisse jedoch ernüchternd: Der Reflux bestand nach den Eingriffen unverändert fort.
Erst Allison und Kollegen hoben in ihren Arbeiten einen entscheidenden Aspekt hervor: die Bedeutung des Zwerchfells. Sie beschrieben die Zwerchfellschenkel als stabile Pfeiler, die maßgeblich zur Ordnung und Position der Organe beitragen. Wird diese Struktur geschwächt oder unterbrochen, geht dieser Halteapparat verloren – und die Organe verschieben sich.
Diese grundlegende Erkenntnis lässt sich heute durch die Forschungen von Dr.med. Eckhard Löhde tatsächlich bestätigen. Rückblickend zeigt sich, wie nahe die damaligen Kollegen bereits an der heutigen Sichtweise waren. Was ihnen jedoch fehlte, waren moderne bildgebende Verfahren wie das Cardio-MRT, mit denen sich das komplexe Zusammenspiel von Herz, Zwerchfell und Speiseröhre sichtbar machen lässt.
Heute kennen wir die Antwort: Der Hiss’sche Winkel hat – wie bereits damals vermutet – keine eigenständige Funktion in der Refluxkontrolle. Aber er ist ein Indikator dafür, dass die anatomische Anordnung der Organe gestört ist.
Die entscheidende Aufgabe besteht daher darin, dieses Zusammenspiel dreidimensional zu verstehen und wiederherzustellen. Werden die Organe in ihre natürliche Position zurückgeführt, normalisiert sich auch ihre Funktion. Auch der Hiss’sche Winkel ist dann wieder regelhaft — als Folge einer korrekt wiederhergestellten Anatomie.
Ihr
Priv.-Doz. Dr. med. Eckhard Löhde



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